Empfehlungen für die Praxis

Empfehlungen für die Praxis

Vor dem Hintergrund von gesamtgesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdebatten, die sich an der öffentlichen Forderung nach höheren Tierwohlstandards in der Nutztierhaltung konkretisieren (vgl. Isermeyer 2019; BLE/BÖLN 2017), steht das Arbeitshandeln von Beschäftigten in der Landwirtschaft in einem Spannungsfeld diverser gesellschaftlicher Konfliktlinien (vgl. Friedrich/Theuvsen 2011; Zerger/Holm-Müller 2008). Für die (angehenden) Landwirt:innen bedeutet dies, dass sie ihre Arbeitsweise an steigende gesellschaftliche und politische Erwartungen anpassen müssen, während ihr Handeln gleichzeitig ökonomischen Zwängen ausgesetzt ist. Diese Anforderungen führen zu einem Wertewandel, der die Auszubildenden und auch das Ausbildungspersonal im Landwirtschaftssektor vor die Herausforderung stellt, ihre Arbeit nicht nur als Erwerbstätigkeit, sondern auch als Beitrag zur Umsetzung von Tierwohlstandards zu verstehen.

Neben den gesellschaftlichen und gesetzlichen Forderungen, die eine tierwohlorientierte Haltung der Beschäftigten im Landwirtschaftssektor beeinflussen, bilden die Lernorte in der dualen Berufsausbildung eine Instanz, in der die Persönlichkeitsentwicklung der Auszubildenden durch institutionelle Rahmenbedingungen gestaltet wird. In den jeweiligen Institutionen – Berufsschule, ÜBZ und Betrieb – bestehen unterschiedliche Voraussetzungen, die sich auf die praktische Umsetzung der Berufsausbildung auswirken. Das zeigt sich nicht nur in der Aufenthaltsdauer der Auszubildenden innerhalb der Ausbildung, sondern auch in den unterschiedlichen Qualifikationen des Bildungspersonals an den verschiedenen Lernorten und den ökonomischen Anforderungen.

Mit Blick auf Lern- und Sozialisationsprozesse in der Berufsausbildung wird deutlich, dass der Lernort Betrieb eine exponierte Bedeutung für die fachliche und personale Kompetenzentwicklung (angehender) Landwirt:innen hat. Der praxisorientierte Rückbezug der Lehr-Lerninhalte auf die Arbeit im Lernort Betrieb ist entscheidend für den Transfer. Dies gilt insbesondere für Erkenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten tierwohlorientierten Handelns in der Nutztierhaltung. Für die Entwicklung einer tierwohlorientierten Handlungskompetenz fällt den Ausbilder:innen auf den Ausbildungsbetrieben daher eine zentrale Rolle zu. Sowohl die Ergebnisse der Interviews als auch die Ergebnisse der Recherche zeigen, dass dies zu einer starken Individualisierung der Berufsausbildung führt.

(Angehende) Landwirt:innen und Tierwirt:innen sind aufgrund der teils veralteten und unkonkreten Ordnungsmittel gefordert, ihre Kompetenzen auch im Bereich der Nutztierhaltung selbstständig zu gestalten. Das ausbildende Personal befindet sich in der Situation, eigene Lösungen finden zu müssen, wodurch die Vergleichbarkeit des Berufsabschlusses infrage gestellt wird und der Wahl des Ausbildungsbetriebes eine zentrale Rolle für die Qualität der Berufsausbildung zufällt.

Die Verantwortung für die Thematisierung von Tierwohl liegt im Wesentlichen bei den ÜBZ und den landwirtschaftlichen Betrieben. Die in diesem Projekt durchgeführte Befragung von Ausbildungsbetrieben in Niedersachsen zeigte, dass bereits bestehende Tierwohl-(Erfassungs-)Tools seitens der Betriebe nur rudimentär genutzt werden bzw. gar nicht bekannt sind. Neben einer Überarbeitung der Ordnungsmittel ist es wichtig, dass sich das ausbildende Personal über diese Schlüsselposition in der Berufsausbildung bewusst ist und ihr eigenes pädagogisches Handeln reflektiert.

Ausbilder:innen wurden in der Vergangenheit vor dem Hintergrund der Unterweisung im Praxisbetrieb betrachtet. Schüler:innenzentrierte Unterrichtsgeschehen auf Augenhöhe mit schüler:innengesteuerten Lernprozessen standen nicht im Fokus und sind auch nicht Bestandteil der vorausgesetzten Qualifizierung des ausbildenden Personals (Ausbildereignungsprüfung). Damit eine zukunftsfähige Berufsausbildung für angehende Landwirt:innen nachhaltig realisiert werden kann, bestehen vor allem für das ausbildende Personal berufspädagogische sowie methodische Herausforderungen. Damit diese bewältigt werden können, bedarf es konkreten Wissens, aber auch spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nicht nur landwirtschaftliche, sondern auch pädagogische Fachkenntnisse erfordern. Abseits der Ausbildereignungsprüfung empfiehlt es sich daher, weitere pädagogische Qualifizierungsangebote anzubieten bzw. wahrzunehmen, um die Lernprozessbegleitung im Betrieb vor dem Ziel einer tierwohlorientierten Handlungskompetenz gestalten zu können.

Die Förderung von ethischer Verantwortung, Wertvorstellungen und Empathiefähigkeit setzt die Organisation der Ausbildung in handlungsorientierte Lehr-Lernsituationen voraus, in denen Prozesse der Selbstreflexion angeleitet werden. Dabei kann die Etablierung von Lernortkooperationen zwischen den Ausbildungsbetrieben, Berufsschulen und ÜBZs helfen, gemeinsam an Lehr-Lernsituationen zu arbeiten und Lerninhalte lernortübergreifend abzustimmen. Auf diese Weise kommen die individuellen Stärken der einzelnen Lernorte langfristig zum Tragen, und die Kompetenzentwicklung kann kooperativ gestaltet werden.

In dem Projektvorhaben wird der Kompetenzerwerb angehender Landwirt:innen fokussiert, wobei die entwickelten Lehr-Lernkonzepte (Fahrpläne) als Handreichung für berufliches Bildungspersonal (betriebliches und berufsschulisches Bildungspersonal) bei der Gestaltung tierwohl- und kompetenzorientierter Lehr-Lerneinheiten unterstützen. Die Lehr-Lerneinheiten sind in erster Linie für die Durchführung im Rahmen der Überbetrieblichen Ausbildung entwickelt worden. Sowohl das Material als auch die Methodenauswahl wurden im LBZ Echem mit dem Bildungspersonal evaluiert, mit Auszubildenden erprobt und entsprechend den äußeren und internen Rahmenbedingungen angepasst. Innerhalb der Abläufe wurden dennoch unterschiedliche Anknüpfungspunkte und Optionen geschaffen, sodass die Einheiten an die unterschiedlichen Lernorte, das Bildungspersonal und die Zielgruppen angepasst werden können.

Neben der Umsetzung an den Standorten der Überbetrieblichen Ausbildung sind die Einheiten auch in der Berufsschule, in der Meisterschule, in der betrieblichen Ausbildung oder im Rahmen des agrarwissenschaftlichen und veterinärmedizinischen Studiums umsetzbar. Darüber hinaus dient die freizugängliche Infothek auch Auszubildenden und Studierenden der Landwirtschaft und ermöglicht eine barrierearme Recherche im Themenfeld Tierschutzkompetenz.

Zusammenfassend zeigt sich, dass eine Verbesserung der Tierwohlsituation in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung durch Veränderungen in der Ausbildungspraxis, also mit Hilfe von Konzepten für tierwohl- und kompetenzorientierte Lehr-Lerneinheiten, möglich ist. Allerdings ist es notwendig, Zeitfenster für die vorgesehenen Lerninhalte auf einer übergeordneten Ebene zu verankern. Hinzu kommt, dass das Bildungspersonal dazu befähigt werden sollte, didaktisch und methodisch begründet in Ausbildungssituationen zu handeln.
 

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